Anfrage der Ruhr Nachrichten:
Unter Wissenschaftlern wird diskutiert, ob sich die Erderwärmung beschleunigt. Es gibt die Theorie, dass drei Grad globale Erwärmung nun doch bereits im Jahr 2050 erreicht werden.
Hierzu meine Fragen:
Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus den jüngsten Berichten über eine mögliche Beschleunigung der Erderwärmung?
Sehen Sie die Stadt Selm mit ihren Maßnahmen im Bereich Klimaschutz/Klimafolgenanpassung ausreichend gerüstet für diesen Fall?
Welche Forderungen richten Sie an die Stadtverwaltung und wie soll das eine politische Mehrheit dafür gefunden werden?
Antwort von Jeannine Tembaak für die UWG:
Die globale Erwärmung ist in eine Phase der Beschleunigung eingetreten, und das ist nicht verhandelbar. Bereits um das Jahr 2050 könnte die Erwärmung sogar 3 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erreichen, wobei der Temperaturanstieg in Deutschland deutlich höher als im globalen Mittel ausfällt. Die Fakten sind unbequem: Die Umsetzung der aktuell weltweit gültigen Politiken und Maßnahmen würde zum Ende des Jahrhunderts zu einer 2,8 °C wärmeren Welt führen, weit entfernt vom 1,5°-Ziel des Pariser Klimaabkommens. Wenn wir das verhindern wollen, muss jeder seinen Teil beitragen, auch eine Stadt wie Selm.
Selm bewegt sich. Das ist das Positive: Mit dem im Jahr 2019 vom Rat beschlossenen Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzept hat die Stadt Selm die Grundlage für einen langfristigen, strukturierten lokalen Klimaschutz geschaffen. Die Stadt Selm hat sich ambitionierte Klimaschutzziele gesetzt, darunter: Langfristige Reduktion der Emissionen um 95 % bis 2045, Ausbau erneuerbarer Energien und Energieeffizienzmaßnahmen. Konkrete Projekte laufen: Photovoltaikanlagen werden auf städtischen Gebäuden installiert, Fahrradparkhäuser gebaut, ein kommunaler Wärmeplan ist verabschiedet.
Aber seien wir ehrlich: Es geht viel zu langsam voran, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Klima- und Umweltschutz sind überlebensnotwendig. Deshalb muss Selm dafür Verantwortung dafür übernehmen und Nachhaltigkeit als die Grundlage allen Handelns verstehen. Wir wollen, dass die Stadt ihre Landschaftsstrukturen schützt, Biotope renaturiert und Flächennutzung ökologisch tragfähig gestaltet. Die lokale Energiewende muss konsequent umgesetzt werden: Energieeinsparung, Umstieg auf Erneuerbare Energien, nachhaltige Standards in Beschaffung und Bau.
Dabei brauchen wir Verbindlichkeit statt bloßer Planung. Ein Wärmeplan ist schön, aber er muss bindende Meilensteine haben – nicht 2045, sondern 2030, 2035, 2040. Jedes Jahr muss messbar sein. Finanziell gesehen stehen Projekte wie der kommunale Wärmeplan oder die Umsetzung des Klimaschutzkonzepts noch unter einem Finanzierungsvorbehalt. Das ist inakzeptabel. Ein „Vorbehalt“ ist eine Fluchtmöglichkeit. Es braucht politischen Beschluss jetzt. Der Ausbau der Solarthermie ist kein Luxus, sondern Pflicht, hier muss das Tempo erhöht und die Ausbauquote verdopptelt werden.
Um Mehrheiten zu gewinnen, müssen wir klare Kommunikation leisten:
Die Kosten der Untätigkeit müssen dargestellt werden: Wenn 3°C Realität wird, werden Versicherungen nicht mehr bezahlen, Grundstückspreise fallen, Migrationseffekte entstehen. Das ist keine apokalyptische Rede – das ist Ökonomie.
Schnelle Siege müssen sich zeigen: Wärmenetze in einer Straße vollenden. Solaranlage auf öffentlichem Gebäude. Radweg fertigstellen. Menschen brauchen sichtbare Erfolge in ihrer Nachbarschaft, nicht Zielbilder 2045.
Klimaschutz funktioniert nur, wenn die Menschen es wollen. Das erfordert Transparenz, konkrete Anreize und ein klares Rollback von Ausreden. Der „Hamburger Zukunftsentscheid“ hat uns erst kürzlich gezeigt, dass die Bevölkerung sich mehr und schnelleren Klimaschutz wünscht, das kann auch in Selm funktionieren.
Fazit:
Selm hat die Grundlagen gelegt. Aber das genügt nicht. Es ist dringend notwendig, Klimaschutz und Klimaanpassung gleichzeitig zu betreiben, da ein Teil der weiteren globalen Erwärmung auch bei intensivsten Schutzmaßnahmen nicht mehr zu verhindern ist.
Das bedeutet: Parallel zur Emissionsreduktion braucht Selm einen Hitzeaktionsplan, der heute funktioniert, nicht 2030. Wassermanagement für Starkregen. Infrastruktur, die resilient ist.
Die Frage ist: Handelt Selm jetzt entscheidend, oder verschiebt die Stadt die notwenidgen Transformationen in eine ungewisse Zukunft? Das ist keine rhetorische Frage. Das ist die einzige Frage, die zählt.